Abends kamen wir also in Derry an, im Dunklen – und das war ganz gut so. Nach einigem Hin- und Herfahren haben wir Greg und die Karte „eingenordet“ und fahren dann auch sehr schnell unser Hostel, eine kleine private Absteige mit insgesamt 5 Zimmern (10-Bett-Zimmer), genannt „The Independent Hostel“. Die Übernachtung kostete 12 Pfund, ein Aufenthaltsräume sind im pseudo-indischen Stil, der andere im normalen britisches-Wohnzimmer-Stil eingerichtet. Die Duschen und Bäder (Gemeinschaftsduschen) waren ok, aber nix besonderes. Auf den Betten war kuschelige Kinderbettwäsche bezogen. 🙂

Wir zogen los, um etwas von der Stadt zu sehen und liesen uns ein paar nette Locations erklären. Allerdings beschränkte sich das Kneipen-Viertel auf eine Straßenkreuzung und ungefähr 50 Meter Straße. Die komplett gepanzerten Polizeiautos („Crimestoppers“, eine Art Militärpolizei) trugen auch ungemein zur Atmosphäre bei. Dafür war es (wenn man süd-irische Preise gewohnt ist) sehr billig. Also gab es gutes Bier und gutes Essen in einem In-Restaurant.

Danach suchten wir ein nettes Pub und – auch im Gegensatz zur Republik Irland – musste man wirklich lange suchen. Schon jetzt wurde uns bewußt, dass Derry wohl nicht „the hippest place on Earth“ ist und es auch gar nicht mehr versuchte. Dennoch fanden wir ein Pub, die Livemusik sollte aber erst um 11 losgehen. Ich war ziemlich müde vom Fahren und habe mich so nach 10 auf den Weg ins Hostel gemacht. Die anderen kamen später nach, berichteten noch von einer Massenschlägerei und einem Gespräch mit jungen Leuten, die uns ausgelacht haben, weil wir freiwillig an einem freien Tag nach Derry gekommen sind.

Die Nacht war geprägt von einem schnarchenden Judoka aus Waterford.

Am Morgen trafen wir uns früh in der Küche (das Frühstück war bescheiden) und wollten nun endlich etwas von der Stadt sehen, die so sehr die irische Geschichte geprägt hat. Besonders der Bloody Sunday hat den Namen Derry (oder im Britischen halt Londonderry) in die Köpfe eingebrannt. Am 30. Januar 1972 schossen Soldaten des britischen Fallschirmjäger in eine friedliche Demonstration für mehr Bürgerrechte und töteten 13 Demonstranten, einige der Opfer waren gerade 16 Jahre alt und einigen wurde in den Rücken geschossen. Die Vorfälle wurden nie endgültig aufgeklärt, viele Beweismittel durchs Militär vernichtet. Es wurde bis heute niemand dafür bestraft. Der Bloody Sunday legte den Grundstein für Jahrzehnte der Gewalt in Nordirland, da er der IRA und anderen militanten Bewegungen auf der republikanischen Seite großen Zulauf bescherte. Die Ereignisse führten zu Unruhen in Derry und zur Ausrufung von „Free Derry“. Der Begriff Bloody Sunday steht wie fast kein anderer für den jahrhunderte langen Kampf des irischen Volkes gegen die britische Besatzung (siehe Bloody Sunday 1887, 1913, 1920, 1972).

Noch heute kann man die Spuren dieses Konfliktes sehen. Es gibt streng britisch-unionistische Viertel, in denen die Bordsteinkanten rot-weiß-blau (Farben der britischen Flagge) gestrichen sind, mit Wandmalerien (den Murals) und eindeutigen Aussagen („no surrender“, „Londonderry still under siege“) und sehr sehr hohen Zäunen herum. Und dann gibt es die irisch-republikanischen Viertel, mit den Wandmalereien vom Unabhängigkeitskampf, den grün-weiß-orange gestrichenen Laternenpfosten und der – fast schon zum Postkartenmotiv verkommenen – Aussage „you are now entering Free Derry“.

Dazwischen zeigt Derry jedoch sein wahres Gesicht, und das ist traurig. Derry – zweitgrößte Stadt Nordirlands – ist ein heruntergekommenes Drecksloch. Die Straßen und Häuser sind verwahrlost, es ist nichts los, alles trostlos. Diese Stadt hängt in der Vergangenheit und hat deshalb weder Gegenwart noch Zukunft. Wenn mir jemand in Deutschland, besonders in meiner sächsischen Heimat, mal wieder vorjammert, wie trostlos es doch dort wäre, denn werde ich in Zukunft immer einen Ausflug nach Derry empfehlen.

Unser geplanter Stadtrundgang fiel dann auch entsprechend kurz aus. Die Touristeninfo macht Sonntags erst um 2 Uhr nachmittags auf (werktags von 9 bis 15 Uhr), das Free Derry Museum ebenfalls. Es war Sonntag morgen halb 10, es war kalt und man konnte nichts unternehmen in Derry. Wir haben uns die alte Stadtmauer angeschaut, die vollständig erhalten und – dank EU-Geldern – auch ansehnlich restauriert wurde.

Danach sind wir zurück zum Auto und haben uns auf die Heimreise begeben.